Börsenbericht: Die versteckte Jahresendrallye – Blickpunkt: Wundertüte Börse

Börsenbericht: Die versteckte Jahresendrallye - Blickpunkt: Wundertüte Börse

Börsenbericht: Die versteckte Jahresendrallye

Traditionell stehen die Chancen auf Kursgewinne in den letzten Wochen eines Kalenderjahres nicht schlecht. Der Stichtag für die Offenlegung der Portfoliopositionen am Jahresende und der Wunsch nach einem möglichst vorzeigbaren Ergebnis für das ganze Kalenderjahr führen tendenziell noch einmal zu Aktienkäufen bei Papieren, die gut gelaufen sind oder deren Kurse zum Stichtag „gepflegt“ werden sollen. Weil durch die Feiertage ohnehin weniger professionelle Großanleger an den Börsen aktiv sind, können vergleichsweise kleine Ordergrößen die Börsenkurse stützen.

Bloomberg Global Aggregate TR: Ausschläge an den Zinszahlungsterminen

Bloomberg Global Aggregate TR: Ausschläge an den Zinszahlungsterminen

Größere strategische Neuausrichtungen finden zumindest selten zwischen Weihnachten und Neujahr statt, sondern eher im nachfolgenden Januar. Zudem liegen am Jahresbeginn die meisten Zinszahlungstermine, an denen Liquidität zufließt, die neu angelegt werden will. Die Börsenstatistik ermittelt somit wenig überraschend für Dezember und Januar gute Durchschnittsergebnisse. Doch der statistische Durchschnitt ist eben nur der Durchschnitt aus Vergangenheitswerten und nützt im konkreten Einzelfall nichts, wenn andere Effekte diese Einflüsse überlagern.

US-Börsen profitieren von der Aussicht auf fallende Zinsen

In diesem Jahr sollten zumindest die Weltleitbörsen in New York von der Aussicht auf fallende Zinsen profitieren. Tatsächlich senkte die US-Notenbank Mitte Dezember die Fed Fund Rate als Leitzins um weitere 25 Basispunkte auf 3,50 bis 3,75 Prozent. Das war an den Aktienmärkten allerdings mehrheitlich längst erwartet worden, sodass der Anstieg des Dow Jones Industrial Average Index auf ein neues Rekordhoch bei 45.452 Punkten nicht von anderen Aktienindizes begleitet wurde.

Der S&P 500 tastete sich zwar an seinen Rekordwert aus der letzten Oktoberwoche heran und sackte dann im Verlauf des Dezembers etwas ab. Der viel beachtete Nasdaq-100-Index blieb im Dezember klar unter den Ende Oktober markierten Rekordhochs. Sorgen über hohe Bewertungen von Aktien mit Bezug zum Boomthema Künstliche Intelligenz (KI) verhinderten eine Jahresendrallye. Viele Investoren stellen sich die Frage, ob und wann sich die hohen Investitionen in KI-Rechenzentren amortisieren können. Neben klassischen KI-Aktien „aus der ersten Reihe“ wie Chip-Hersteller Nvidia litten zuletzt auch Infrastruktur-Papiere der Künstlichen Intelligenz sowie Energiewerte. So galten diese angesichts des enormen Bedarfs an Elektrizität lange als heimliche Gewinner des KI-Booms in den USA.

Erwartete Zinserhöhungen in Japan belasten Carry Trades

Ein Belastungsfaktor für Vermögenswerte, die als riskanter gelten, war schon Wochen zuvor in Japan aufgetaucht: Eine Rede des Präsidenten der japanischen Notenbank, Kazuo Ueda, löste die Erwartung aus, die japanische Zentralbank (Bank of Japan, BoJ) könne ihre Leitzinsen bald erhöhen. Höhere Zinsen für den japanischen Yen können an den Kapitalmärkten zu sogenannten Risk-Off-Umschichtungen führen, weil der japanische Yen häufig zur Finanzierung von Carry Trades genutzt wird. Anfang August dieses Jahres hatte eine Zinserhöhung der BoJ zu massiven Verkäufen an den Börsen geführt. Zinserhöhungen in Japan machen Carry Trades teurer und riskanter, was die Auflösung solcher Positionen begründen kann. Die eingesetzten Vermögenswerte, von denen man sich Kursgewinne versprochen hatte, werden dann verkauft, was deren Kurse unter Druck bringt. Neben Aktien sind auch Kryptowährungen davon betroffen.

DAX scheitert an der 24.000-Punkte-Marke

Die europäischen Aktienmärkte konnten sich in den letzten Wochen des Jahres nicht von der Entwicklung an den Leitbörsen in New York abkoppeln. Der Euro STOXX 50 näherte sich zwar im Laufe des Dezembers seinem Rekordhoch aus dem Monat November bei 5.818 Zählern, blieb aber in der seit Oktober gültigen Bandbreite bei 5.500 bis 5.800 Punkten. Der Deutsche Aktienindex DAX, der im November wegen der hoch gewichteten SAP-Aktie auf den tiefsten Stand seit Mai gefallen war, erholte sich, scheiterte aber erneut an der Marke von 24.000 Zählern. Der Rekordwert war schon im Oktober bei 24.771 Punkten markiert worden.

Der Euro/US-Dollar-Wechselkurs blieb in seiner seit einem halben Jahr gültigen Handelsspanne zwischen knapp 1,15 und gut 1,18 US-Dollar pro Euro. Die Zinssenkung verringerte den Zinsvorteil der USWährung und löste einen Test der Marke 1,18 US-Dollar pro Euro aus.

Wer eine Jahresendrallye sucht, findet diese somit nur bei den Edelmetallen und den Kursen der entsprechenden Aktien. Der Goldpreis näherte sich seinem Rekordhoch von Mitte Oktober bei 4.381 USDollar pro Unze. Der Silberpreis schoss dagegen auf neue Rekordhöhen. Er hatte noch im Oktober und November knapp unter 55 US-Dollar pro Unze gelegen. Nachdem diese Marke Ende November überwunden wurde, war der Weg frei für eine Silberrallye auf über 65 US-Dollar. Damit hat sich der Preis in diesem Jahr mehr als verdoppelt.

Blickpunkt: Wundertüte Börse

Man kann sich nur wundern. Das Jahr 2025 bescherte der Menschheit viel Unerfreuliches – ganz überwiegend selbstgemachtes und vorsätzliches Leid wie beispielsweise den anhaltenden Krieg Russlands gegen die Ukraine. Trotzdem kletterten die Aktienmärkte das dritte Jahr in Folge. Nachdem 2023 und 2024 gemessen am MSCI-Weltaktienindex Aktienrenditen von über 20 Prozent möglich waren, fiel 2025 das Plus mit 5 bis 6 Prozent bescheidener aus. Das lag aber nicht am US-Aktienmarkt, sondern daran, dass die dort erzielbaren Gewinne bei der Umrechnung in Euro zusammenschrumpften.

Stetiger Anstieg seit 2023 beim MSCI-Weltaktienindex

Stetiger Anstieg seit 2023 beim MSCI-Weltaktienindex

Die Umsetzung der Agenda zu „Make America great again“ des amerikanischen Präsidenten lässt noch auf sich warten. Denn weder der US-Wirtschaft noch der US-Währung verhalf seine chaotische Politik bislang zur versprochenen Größe. Das Beschäftigungswunder ist ausgeblieben, die Reallöhne der USAmerikaner sinken und die Inflation scheint sich auf höherem Niveau festzusetzen. Hier versprach Trump das Gegenteil, nämlich fallende Preise. Zudem haben viele Unternehmen in den USA existenzielle Probleme, weil die Zulieferung aus dem Ausland durch Trumps Zölle zur Todesfalle wurde.

KI-Fantasie: Treibsatz für US-Aktienmarkt

Die Wundertüte Wall Street bietet allerdings auch für dieses erste Jahr der zweiten Trump-Regentschaft Gewinne. Zumindest in US-Dollar gerechnet stehen wieder Renditen von 14 bis gut 20 Prozent zur Buche (Dow Jones Industrial Average, S&P 500, Nasdaq). Als Treibsatz für den US-Aktienmarkt erwies sich in diesem Jahr erneut die schon im Vorjahr gewachsene KI-Fantasie. Über 3.000 Milliarden US-Dollar sollen in den nächsten Jahren in den Aufbau von gigantischen Rechenzentren und die notwendige Infrastruktur investiert werden. Zwar droht dieser Boom durch Engpässe bei der Verfügbarkeit leistungsfähiger Chips und den benötigten Strommengen verlangsamt zu werden, doch die Börse hofft auf zusätzliche Einnahmequellen für die Unternehmen und Produktivitätssteigerungen durch einen großflächigen KI-Einsatz. Zudem macht das Trump-Regime Druck auf die eigentlich unabhängige Notenbank, die Leitzinsen schneller und weiter zu senken. Auch das begründet die Hoffnung auf höhere Aktienkurse.

DAX profitiert von internationaler Ausrichtung der großen Konzerne

Für Deutschland hält die Wundertüte Börse ebenfalls positive Überraschungen bereit. Das dritte Jahr hintereinander dürfte der deutsche Leitindex DAX 2025 ein Plus von rund 20 Prozent bieten. Das passt auf den ersten Blick gar nicht zur Lage der Wirtschaft hierzulande, denn Wachstum hatte Deutschland in diesen Jahren nicht mehr vorzuweisen. Vielmehr hängt das Land in einer Stagnation. Dass es den großen, börsennotierten Konzernen mit Sitz in Deutschland besser geht, liegt auch an ihrer internationalen Ausrichtung, die die Abhängigkeit vom Standort Deutschland verringert – in manchen Fällen mehr, in anderen weniger. Insgesamt aber erzielen sie mehr als vier Fünftel ihrer Umsatzerlöse im Ausland. Die mit Abstand wichtigsten Handelspartner sind aufaddiert die Nachbarn in der EU, aber auch die USA und China spielen weiterhin eine große Rolle. Geopolitische Entwicklungen und die Entwicklung des Welthandels bleiben somit auch 2026 eine wichtige Einflussgröße. Wer die Chancen und Risiken für das Börsenjahr 2026 bewerten will, stößt auf viele Unwägbarkeiten. Einerseits haben die Chancen auf eine wirtschaftliche Belebung zugenommen. Nicht zuletzt wirken die hohen Infrastruktur- und Rüstungsinvestitionen der Bundesregierung unterstützend.

US-Technologie-Konzerne ziehen KGV-Durchschnitt nach oben

Beim Blick auf die Weltleitbörsen in den USA wird häufig auf die hohe Bewertung der Aktien dort hingewiesen. Allerdings kann sich diese auf einen Anstieg der Unternehmensgewinne stützen, der deutlich höher als in Europa ausfällt. Auf Basis der für 2026 erwarteten Gewinne liegt das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) für den S&P 500 bei 23. Und dieser Durchschnitt wird durch deutlich höhere KGVs bei großen Technologie-Konzernen nach oben gezogen. Dass in den letzten Wochen des Jahres 2025 verstärkt Sorgen aufkamen, dass sich die hohen KI-Investitionen nicht rentieren könnten, verringert das Risiko für negative Überraschungen diesbezüglich. Auch bei früheren technologischen Umwälzungen wie dem Internet vor zwanzig bis dreißig Jahren war nicht sofort erkennbar, welche Unternehmen dauerhaft zu den Gewinnern gehören würden. Viele frühere Pioniere oder vermeintliche Marktführer versanken in der Bedeutungslosigkeit.

Anleger sollten daraus die Lehre ziehen, keine großen Einzelwetten einzugehen, sondern breit gestreut zu investieren. Dafür wird das Börsenjahr 2026 an verschiedenen Stellen gute Chancen bieten. Die Börse ist eben eine Wundertüte.


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