Über Hongkong in China investieren

Aktienmarkt

An Argumenten für Investments in China mangelt es nicht. Ein Experte einer Investmentgesellschaft fasste das unlängst so zusammen: „Unsere optimistische Einschätzung in Bezug auf China stützt sich auf vier Säulen: erstklassige Wachstumsraten, die Schlagkraft, um das Wachstum aufrechtzuerhalten, eine sich verbessernde Qualität des Wachstums und angemessene Bewertungen. Erholungstrends, die durch anhaltende globale Impulse, die Einführung von Impfstoffen und reformorientiertes Wachstum (mit dem neuen Fünfjahresplan) unterstützt werden, lassen die Top-Down-Aussichten für China besser denn je erscheinen“.

Trotzdem gehören die chinesischen Börsen im laufenden Jahr zu den wenigen Aktienmärkten, die in der Verlustzone liegen. Bis zum 25. Mai verzeichnete der MSCI China seit Jahresbeginn noch einen Rückgang um 2,0 Prozent, während der entsprechende weltweite Index für Schwellenländer im gleichen Zeitraum um 4,0 Prozent anstieg. Und der weltweite Aktienindex MSCI All Countries World verzeichnet für das laufende Jahr sogar ein Plus von 9,7 Prozent. Darin sehen einige Experten ein Aufholpotenzial. Um die Lücke zu schließen, müssten sich chinesische Aktien um mehr als zehn Prozentpunkte besser als der Durchschnitt der Aktienmärkte entwickeln.

Eine gute Wahl für westliche Anleger, die von den guten Aussichten für China profitieren wollen, können Fonds sein, die sich auf den Hongkonger Aktienmarkt konzentrieren. Der Börsenplatz Hongkong ist in mancherlei Hinsicht wie ein Tor zum Reich der Mitte, durch das ausländische Investoren einen leichteren Zugang zu chinesischen Unternehmen finden. Die Börse Hongkong dürfte davon profitieren, dass dort zunehmend mehr Aktien aus Festlandchina gehandelt werden. So steigt der Druck auf chinesische Unternehmen, sich von der Wallstreet in den USA zurückzuziehen, wo sie ihre Aktien früher gerne handeln ließen.

Als Teil seiner Anti-China-Strategie verabschiedete der US-Senat am 20. Mai 2020 das „Gesetz zur Rechenschaftspflicht ausländischer Unternehmen“ („Holding Foreign Companies Accountable Act“). Dies steht im Widerspruch zu Gesetzen der Volksrepublik China. Der Rückzug chinesischer Aktien von den US-Börsen könnte rund 250 Unternehmen und einen Börsenwert von ca. 1,5 Billionen US-Dollar betreffen. Die Liste der chinesischen Unternehmen, die derzeit in New York und gleichzeitig an der Börse Hongkong gehandelt werden, wird länger. Der prominenteste Vertreter ist der Online-Händler Alibaba.

Die Vertreibung der Chinesen von der Wallstreet begünstigt den Aufstieg der Börsen in Asien. Hauptgewinner dieser Entwicklung dürfte Hongkong sein, denn die Sonderwirtschaftszone ist der einzige Finanzplatz der Volksrepublik China, der keine Beschränkungen des Kapitalverkehrs kennt. Das heißt, ausländisches und chinesisches Kapital kann dorthin fließen und wieder abfließen, wenn die Anleger es wollen. Unternehmen können in Hongkong Anleihen begeben, die auf Euro, Dollar oder japanische Yen lauten, um damit ihren Finanzierungsbedarf zu decken. Ohne diese Möglichkeit bliebe nur die Verschuldung in der Landeswährung Renminbi, die immer noch nicht frei handelbar ist und höhere Zinskosten verursacht. Der Hongkong-Dollar ist dagegen mehr oder weniger fest mit dem US-Dollar verbunden, was das Wechselkursrisiko gering hält.

Allerdings würde die Attraktivität Hongkongs sinken, wenn sich Peking dort nicht an die vereinbarte Politik nach der Formel „Ein Land, zwei Systeme“ hält. Die Abschaffung des Hongkong-Dollars beispielsweise würde dem Finanzplatz Hongkong schaden. Dann stünden Finanzplätze außerhalb Chinas wie Singapur bereit, um eine größere Rolle zu übernehmen. Das politische Risiko von China-Investments sollte langfristig bedacht werden. Denn China ist kein demokratischer Rechtsstaat, sondern eine Diktatur.

Vor gut drei Jahren, im März 2018, beschloss Chinas Nationaler Volkskongress, die Amtszeitbegrenzung des Präsidenten aufzuheben. Damit dürfte der jetzt 67-jährige Xi Jinping bis an sein Lebensende Präsident bleiben. Dies soll „mehr Stabilität“ bringen. Auf Sicht weniger Jahre mag das zutreffen. Langfristig aber sollte die Herrschaft auf Lebenszeit dem Land einen Bärendienst erweisen. Schon 2014 war bekannt geworden, dass durch einen Schwager von Xi Jinping Teile des auf Hunderte Millionen Dollar angewachsenen Vermögens der Familie über Offshore-Unternehmen ins Ausland verlagert werden. Die so oft gepriesene Weitsicht der chinesischen Führung ist langfristig in Gefahr.

2020 war der Aktienmarkt der Volksrepublik stark gestiegen und hatte dabei die Börse Hongkong hinter sich gelassen. Ein führendes chinesisches Finanzmagazin erklärte das auch mit der Konzentration auf relativ wenige große Aktien: Die inländischen chinesischen Investmentfonds beschränken ihre Investitionen typischerweise auf nur 400 Aktien, wobei sich zwei Drittel ihrer Vermögenswerte auf lediglich 100 Aktien konzentrieren. Grundsätzlich wären rund 4.000 verschiedene chinesische Aktien handelbar. Die Konzentration auf relativ wenige, sehr beliebte Aktien habe diese in absurde Höhen getrieben.

Noch zum Jahresbeginn herrschte bei chinesischen Privatanlegern eine euphorische Erwartung. Die starke Performance des sogenannten A Aktienmarktes von Festlandchina führte zu höheren Mittelzuflüssen. Allein in der ersten Woche des Jahres 2021 wurden nicht weniger als neue 21 Investmentfonds aufgelegt, die insgesamt 120 Mrd. Yuan (umgerechnet rund 18,5 Mrd. US-Dollar) einsammelten. Viele der neuen Fonds erreichten bereits am ersten Tag ihrer Vermarktung Mittelzuflüsse von 10 Mrd. Yuan. Dies liegt auch an den eingeschränkten Anlagemöglichkeiten für Einwohner der Volksrepublik China. Außerhalb von Festlandchina dürfen chinesische Aktienfonds nur in Hongkong investieren, und zwar bis zu 50 Prozent ihres Volumens.

Schon 2016 wurde ein Kanal geschaffen, der es Anlegern aus der Volksrepublik ermöglicht, in Hongkong notierte Aktien auch direkt zu kaufen. Dieser sogenannte „Southbound Stock Connect“ erfreut sich jetzt wachsender Beliebtheit. Weil die chinesische Währung Renminbi gegenüber dem US-Dollar an Wert gewonnen hat, werden Aktienkäufe in Hongkong für die in Renminbi rechnenden Festlandchinesen billiger. Laut des Wirtschaftsdienstes Bloomberg kauften Festland-Chinesen allein in den ersten drei Wochen des Jahres 2021 Hongkonger Aktien im Wert von knapp 29 Mrd. US-Dollar. Das ist fast ein Drittel dessen, was sie im gesamten Jahr 2020 gekauft hatten. Vor dem Jahreswechsel waren die chinesischen A-Aktienmärkte so stark gestiegen, dass die Aktien in Hongkong deutlich attraktiver bewertet waren.

Nun erscheint der Aktienmarkt Hongkong noch attraktiver. Im vergangenen November gelang es dem dortigen Hang Seng Aktienindex, seinen Abwärtstrend zu brechen. Ein steiler Aufwärtstrend bis Mitte Februar könnte eine längerfristige Trendwende nach oben eingeläutet haben. Auf Basis der Schätzungen der Unternehmensgewinne für dieses Jahr ist der Hongkonger Aktienmarkt im internationalen Vergleich preiswert. Auch die durchschnittliche Dividendenrendite liegt in Hongkong mit 2,9 Prozent über den 2,1 Prozent, die sich für chinesische A-Aktien errechnen.

Zum Vergleich: Bei Deutschen Aktienindex (DAX) kommt man auf eine Dividendenrendite von 2,7 Prozent und bei US-amerikanischen Aktien (gemessen am S&P-500-Index) von nur 1,4 Prozent. Wer als Investor günstige Gelegenheiten sucht, sollte seinen Blick besser in den
Fernen Osten und insbesondere nach Hongkong richten.

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