Börsenbericht: Aktien hui, Anleihen pfui
Hoffnungen auf ein Ende des Iran-Kriegs und die Öffnung der Seestraße von Hormus führten zwischenzeitlich mehrfach zu Kursgewinnen an den Aktienmärkten. Von der China-Reise des US-Präsidenten erhofften sich die Märkte Verbesserungen in Fragen der Zollpolitik und des Iran-Kriegs. Entsprechend enttäuscht reagierten die Aktienmärkte schließlich auf den weitestgehend ergebnislosen Gipfel. Die für die Weltwirtschaft wichtige Straße von Hormus blieb faktisch blockiert.
Unterstützung erhielten die Aktienkurse von den Geschäftsergebnissen des ersten Kalenderquartals. Vor allem US-Unternehmen konnten ihre Gewinne gegenüber dem Vorjahresquartal nochmals deutlich steigern. Bei Einzelaktien sorgten Überraschungen bei den Quartalsergebnissen für stärkere Kursbewegungen: in die positive Richtung unter anderem bei Alphabet, Apple, Qualcomm, Caterpillar und Eli Lilly und in negativer Hinsicht bei Meta und Amazon. Ein Kurstreiber blieb das Mega-Thema Künstliche Intelligenz (KI). Insbesondere die Aktien von Halbleiterherstellern erwiesen sich als Zugpferde der Börsen. Der wertvollste Konzern der Welt, Chip-Designer Nvidia, zeigte bei Umsatz und Gewinn im ersten Quartal abermals hohe Zuwächse. Der Aktienkurs litt allerdings nach einem neuen Rekordhoch unter Gewinnmitnahmen.
Gemischtes Bild bei den Konjunkturdaten
Die Konjunkturdaten fielen im Mai eher durchwachsen aus. Insgesamt blieb die Stimmung in der Wirtschaft angesichts der gestörten Versorgung aus der Golf-Region erstaunlich gut. Die Einkaufsmanagerindizes, die als Frühindikator für die Konjunkturentwicklung gelten, verbesserten sich in allen wichtigen Regionen der Welt. Eingetrübt zeigte sich das Bild eher bei den privaten Haushalten, deren Konsumspielraum durch die steigenden Preise eingeschränkt wird.
Tech-Aktien sorgen für Höhenflug beim Nasdaq-100

Getragen von den hoch gewichteten Tech-Aktien erreichten alle wichtigen US-Aktienindizes und Weltaktienindizes im Mai neue Rekordwerte. Der Dow Jones übertraf seinen alten Rekord aus dem Februar und stellte mit 50.830 Punkten eine neue Höchstmarke auf. Der S&P-500-Index, der schon im April auf neue Rekorde gestiegen war, kletterte im Mai erstmals über 7.500 Zähler. Und der NASDAQ-100 stieg kurz vor dem Monatsende erstmals auf gut 30.000 Punkte. Dies ist gegenüber dem zwei Monate zuvor markierten Jahrestief ein Anstieg um gut 31 Prozent.
Rekordjagd in Japan, Südkorea und Taiwan
Auch die japanischen, südkoreanischen und taiwanesischen Aktienmärkte setzten ihre Rekordjagd fort. Der Nikkei-225-Index in Tokio stieg erstmals über 65.000 Punkte, was gegenüber dem Jahresbeginn einen Anstieg von über 30 Prozent bedeutet. Auch an den Börsen von Südkorea und Taiwan waren es vor allem die Aktien der Mikrochip-Hersteller, die für einen Höhenflug sorgten. Die Werte Samsung Electronics und TSMC sind die jeweils höchstgewichteten Werte in den dortigen Aktienindizes.
Auch in Europa verzeichneten Aktien aus der Halbleiter-Branche hohe Kursgewinne, darunter der niederländische Chip-Produktionsanlagenbauer ASML und der deutsche Chiphersteller Infineon. Der Euro-Stoxx-50-Index näherte sich mit rund 6.100 Punkten wieder seinem Rekordhoch von Ende März. Auch der DAX erholte sich bis in die Nähe seiner im ersten Quartal aufgestellten Rekordwerte über 25.000 Zähler.
Wie von den Märkten erwartet, änderten weder die US-Notenbank Fed noch die Europäische Zentralbank (EZB) ihre Leitzinsen. Unterdessen bestätigte der Bankenausschuss des US-Senats denkbar knapp mit 13 zu 11 Stimmen Präsident Trumps Kandidaten Kevin Warsh für die Nachfolge des scheidenden Fed-Präsidenten Jerome Powell, der dem Fed-Vorstand aber weiter angehören will.
Kursverluste an den Anleihemärkten
An den Anleihemärkten überwogen anders als an den Aktienmärkten die Kursverluste. Die Folgen des Irankriegs haben die Ängste vor Inflation und möglichen Zinserhöhungen neu entfacht. Die Kurse von Anleihen fielen deutlich. Im Gegenzug stiegen die Renditen der festverzinslichen Wertpapiere auf langjährige Höchststände. Zehnjährige deutsche Bundesanleihen erreichten mit knapp 3,2 Prozent das höchste Niveau seit 15 Jahren und in den USA stiegen 30-jährige Anleihen wieder über fünf Prozent. Britische Staatsanleihen standen wegen der Regierungskrise besonders unter Druck und rentierten erstmals wieder mit mehr als 5,1 Prozent – der Höchstmarke aus den Zeiten der Finanzkrise im Jahr 2008.
Rendite zehnjähriger Bundesanleihen erreicht Höchstmarke


Im Blickpunkt: Warnsignale beim US-Konsum
Einfuhrzölle sind das Druckmittel, das US-Präsident Trump gerne bei jeder Gelegenheit und in alle Richtungen einsetzt. Sogar dann, wenn bestehende Vereinbarungen mit anderen Staaten das eigentlich verbieten. Inzwischen musste die Staatengemeinschaft lernen, dass der Mann, der sich selbst für den größten „Deal-Maker“ hält, sich nicht immer an die eigenen „Deals“ hält.
Importe in das eigene Land mit Zöllen zu belegen, verschafft der eigenen Wirtschaft Entlastung, weil es die Produkte der unliebsamen Konkurrenz aus dem Ausland verteuert. Längerfristig betrachtet schadet sich jedoch eine Volkswirtschaft, die sich mit Importzöllen „schützt“. Zum einen wird das Güterangebot im eigenen Land verknappt und verteuert. Letztendlich zahlen dadurch vor allem die Privathaushalte die Zölle. Zum anderen verliert die eigene Wirtschaft auf Dauer an internationaler Wettbewerbsfähigkeit, weil sie nicht mehr zu gleichen Preisen konkurrieren muss.
Trumps Zollpolitik schadet der US-Volkswirtschaft
Dass Trumps Zollpolitik solchen Schrecken verbreitet, liegt an der Größe des US-amerikanischen Absatzmarktes. Beim Sozialprodukt liegen die USA (2024 mit 29,3 Bio. US-Dollar) an der Weltspitze mit deutlichem Vorsprung vor China (18,7 Bio. US-Dollar). Aber die Attraktivität des US-Absatzmarktes sinkt. Der Konsum verliert an Dynamik, Inflation und Zölle belasten die Ausgaben und die Sparquote sinkt. Während die US-Konsumausgaben im Frühjahr 2026 nominal noch gestiegen sind, zeigen sich unter der Oberfläche zunehmend Risse. Die realen, also inflationsbereinigten Umsätze sanken und die Verbraucherstimmung fiel jüngst auf historische Tiefststände. Das von der Universität Michigan erhobene Konsumklima sank laut der jüngst veröffentlichten zweiten Schätzung um 5,0 Punkte auf 44,8 Zähler – ein Allzeittief. In einer ersten Schätzung war ein Rückgang auf 48,2 Punkte ermittelt worden. Volkswirte hatten mit einer Bestätigung der Erstschätzung gerechnet.
Sinkende Werte beim Konsumklima
Mit Blick auf die Unterindikatoren des Konsumklima-Index verschlechterten sich die Bewertung der aktuellen Lage und die Erwartungen stärker als zunächst ermittelt. Die Verbraucherstimmung sei den dritten Monat in Folge gesunken, da die Versorgungsengpässe in der Straße von Hormus weiterhin zu einem Anstieg der Benzinpreise führten, so Joanne Hsu, die Leiterin der Umfrage. Die Entwicklung der Lebenshaltungskosten bleibe die wichtigste Sorge der Menschen. Die Inflationserwartungen der Verbraucher stiegen auf hohem Niveau noch etwas weiter. Auf Jahressicht legten sie von 4,7 auf 4,8 Prozent zu. Zunächst war ein Rückgang auf 4,5 Prozent ermittelt worden.
Die längerfristigen Inflationserwartungen (für fünf bis zehn Jahre) stiegen von 3,5 auf 3,9 Prozent. Hier waren zunächst 3,4 Prozent festgestellt worden. Die US-Notenbank strebt eine Inflationsrate von nur zwei Prozent an. Im April war diese aber auf 3,8 Prozent gestiegen. Analysten (u.a. von Bain & Company) rechnen mit weniger Konsumwachstum, dem verstärkten Wechsel von Markenartikeln zu günstigeren Eigenmarken und dem Verzicht auf größere Ausgaben, etwa für Kleidung, Möbel oder Autos. Auch der jüngst festgestellte Anstieg bei den Ratenzahlungen und Kreditkartenschulden signalisiert den schrumpfenden finanziellen Spielraum der US-Privathaushalte. Die Politik Trumps belastet vor allem die für den Konsum wichtigen unteren und mittleren Einkommensschichten.
So werden die geplanten Steuerrückerstattungen bei der Mehrheit der US-Privathaushalte kaum die gestiegenen Preise ausgleichen können und vor allem den einkommensstarken Haushalten zugutekommen, die allerdings für die volkswirtschaftliche Binnennachfrage weniger wichtig sind. Auch Paolo Zanghieri, Senior Economist bei Generali Investments, kommt zu dem Schluss, dass die Abwärtsrisiken für das US-Wachstum durch die unerwartete Schwäche des Konsums im ersten Quartal und die gemischten Auftragsdaten zugenommen haben.
Konsumschwächesignale erhöhen Gefahr von Börsenturbulenzen
Fazit: Die Börsen haben die jüngsten Schwächesignale für den US-Konsum weitgehend ausgeblendet. Sollte sich diese Entwicklung aber fortsetzen, wird die Schwäche des großen US-Binnenmarktes auch an den Börsen Reaktionen auslösen. Und das von Trump gerne geschwungene Schwert der Importzölle würde dann letztendlich an Schärfe verlieren.
Richtigstellung
Im Text „Im Blickpunkt: Europa in einer veränderten Welt“ aus dem Vormonat hat sich ein Fehler bei den Zahlenangaben eingeschlichen. Zwar gibt es beim kaufkraftbereinigten Gesamt-BIP zwischen den USA und der EU-27 kaum noch einen Unterschied: 29,3 Bio. US-Dollar gegenüber 28,2 Bio. US-Dollar. Auf Pro-Kopf-Basis sind allerdings sowohl das nominelle BIP als auch das Einkommen in den USA höher als in der EU-27. Die Schlussfolgerung, dass der EU-27-Raum inzwischen aber insgesamt die gleiche Größenordnung erreicht hat wie die USA, bleibt richtig.


