Börsenbericht: Gegenbewegungen- Im Blickpunkt: Signalwirkung Börsengang

Anleihemärkte und US-Dollar

Der Oktober bescherte den Börsen einige Kursbewegungen, die gegenläufig zu denen des Vormonats waren. Im September hatte es einen starken Anstieg der Kapitalmarktzinsen gegeben. Die Rendite der US-Staatsanleihen mit zehn Jahren Laufzeit, die als wichtigster Maßstab für Rentenpapiere weltweit gilt, war im September rasant gestiegen und hatte in den ersten Oktobertagen mit 5,35 Prozent den höchsten Stand seit dem Jahr 2000 erreicht. Im weiteren Verlauf des Oktobers folgte eine Gegenbewegung: Die Kurse der Anleihen erholten sich, sodass ihre Rendite knapp unter 5,0 Prozent zurückfiel. Offenbar werteten zahlreiche Marktteilnehmer das erreichte Zinsniveau als wieder attraktiv, ja sogar als gute Einstiegsgelegenheit. Die US-Notenbank erfülle auch unter Kevin Warsh ihren Auftrag, so Fondsmanager dazu. Sie behalte die Inflation in den USA unter Kontrolle, womit die Renditen wieder sinken dürften. Durch die damit entstehenden Kursgewinne seien Anleihen auch aus dieser Perspektive attraktiv. Die gestiegene Attraktivität von US-Zinsanlagen dürfte auch der Hintergrund für die Aufwertung des US-Dollars sein: Mitte August hatte die US-Währung im Tief noch 0,85 Euro gekostet. Im Oktober pendelte der Wechselkurs recht eng um 0,89 Euro.

Trendwechsel an den Aktienmärkten

Auch an den Aktienmärkten gab es einen gewissen Trendwechsel: Bis in die erste Oktoberwoche hinein hatten Technologie-Aktien Kursgewinne erzielt; so erreichte der Nasdaq-100-Index seinen bisherigen Rekordstand bei 31.361. Die Kursgewinne aus dem September gingen allerdings im weiteren Verlauf des Oktobers mit Indexständen unter 29.000 wieder vollständig verloren. Standardaktien waren dagegen im September in der Gunst der Anleger eher gesunken; so sackte der Dow Jones Industrial Average bis Ende September bis knapp unter 51.000 ab, erholte sich aber im Laufe des Oktobers bis in die Nähe von 53.000.

Kursentwicklung des Nasdaq 100 Index von Oktober 2023 bis September 2026

Source: Finanzen.net, DRESCHER & CIE AG, 26.10.2026

KI-Skepsis und Umschichtungen

Hintergrund dieser auffällig gegenläufigen Entwicklung von Nasdaq und Dow Jones sind offenbar Umschichtungen bei US-Aktien. Die Fragen zu den Geschäftsmodellen der KI-Unternehmen wurden drängender. Angesichts unerwartet niedriger Umsatzerlöse des ChatGPT-Entwicklers OpenAI wurden die Sorgen um die Amortisation der hohen KI-Ausgaben größer. Ausgelöst durch Fortschritte Chinas bei Speicherchips und Kritik von Broadcom-Chef Hock Tan am KI-Hype erlebten die Aktien von Chip-Herstellern einen Kurseinbruch. Die Aktien des südkoreanischen KI-Infrastrukturunternehmens Elice verloren unmittelbar nach dem Börsengang rund ein Drittel ihres Ausgabepreises. Erst die Quartalszahlen des US-Raumfahrt- und KI-Konzerns SpaceX wirkten dann stabilisierend, bevor der Facebook-Konzern Meta mit nochmals höheren Investitionen in KI-Infrastruktur die Sorgen wieder bestärkte. Zuvor hatte SpaceX mit dem Erwerb zahlreicher Frequenzpakete in den USA die Aktien von Mobilfunkbetreibern unter Druck gesetzt. Offenbar plant SpaceX den Aufbau einer satellitengestützten Konkurrenz zum erdgestützten Mobilfunknetz. Die wachsende Skepsis gegenüber Technologie-Aktien führte zu Umschichtungen zugunsten von Aktien, die „technologiefern“ als defensiv oder als vernachlässigt gelten, darunter Konsumgüterhersteller, die umgekehrt im September noch stark unter Abgabedruck gestanden hatten.

Ölpreis und Inflation

Vage Hoffnungen auf eine Friedenslösung im US-Iran-Konflikt boten den Börsen zwischenzeitlich eine gewisse Stütze. Allerdings stiegen nach Angriffen auf Ölanlagen in Saudi-Arabien die Ölpreise wieder über 100 Dollar pro Barrel in die Nähe ihrer Jahreshochs. Der hohe Ölpreis dürfte sich weltweit in höherer Inflation bemerkbar machen. Von der US-Notenbank wird mehrheitlich ein zweiter Zinserhöhungsschritt noch in diesem Jahr erwartet.

Edelmetalle unter Druck

Das hohe Niveau der Dollar-Zinsen drückte auf die Preise von Edelmetallen. Der Goldpreis fiel auf rund 4.000 Dollar pro Unze und damit in die Nähe der Jahrestiefs zurück. Der Preis für eine Unze Silber fiel auf rund 53 Dollar und damit sogar unter die im Sommer markierten Jahrestiefs.

Kursentwicklung des Goldpreises pro Unze von Oktober 2023 bis September 2026

Source: Finanzen.net, DRESCHER & CIE AG, 26.10.2026

Im Blickpunkt: Signalwirkung Börsengang

Wenn ein Unternehmen erstmals seine Aktien breit gestreut Anlegern anbietet und diese an einer Wertpapierbörse handeln lässt, spricht man von einem „Börsengang“ oder „IPO“ (für englisch „Initial Public Offering“). Dies dient oft der Kapitalbeschaffung für das Unternehmen selbst, einem meist nur teilweisen Ausstieg der bisherigen Eigentümer oder häufig beiden Motiven. Mit einem Börsengang sind vergleichsweise weitreichende Offenlegungspflichten verbunden. Zudem schlagen sich ab der Börsennotiz die Erwartungen der Marktteilnehmer für alle sichtbar in Veränderungen des Aktienkurses und damit der Bewertung des Unternehmens nieder. Von Börsengängen gehen somit wichtige Signale aus. Von geplanten, aber auch abgesagten Börsengängen.

SpaceX: Börsengang als Zeichen des Optimismus

Am 12. Juni dieses Jahres erfolgte der bis dahin größte Börsengang der Geschichte: Das Weltraum- und KI-Unternehmen SpaceX von Elon Musk ging an die Nasdaq-Börse. Dabei wurde ein Ausgabepreis von 135 US-Dollar pro Aktie erzielt, was einer Marktkapitalisierung von über einer Billion US-Dollar entsprach. Diese Bewertung entspricht mehr als dem Fünfzigfachen des Jahresumsatzes von SpaceX. Zudem hatte der Konzern, der unter anderem die Starlink-Satelliten betreibt, zum Zeitpunkt seines Börsengangs die Gewinnschwelle noch nicht erreicht. Damit darf man den erfolgten Börsengang als Signal für den im Juni noch vorherrschenden Optimismus werten. Aber in den Folgemonaten nahm die Skepsis an den Aktienmärkten stark zu – auch erkennbar an durchgeführten und abgesagten Börsengängen.

OpenAI verschiebt den Börsengang

Das auf die Entwicklung von Modellen der Künstlichen Intelligenz (KI) spezialisierte US-Unternehmen OpenAI kündigte Mitte September an, dass es seinen für das vierte Quartal geplanten Börsengang verschiebt, also frühestens 2027 an die Börse geht. Als Hauptgrund nannte OpenAI-Chef Sam Altman wachsende Sicherheitsbedenken rund um die Entwicklung Künstlicher Intelligenz nach Zwischenfällen mit autonomen KI-Modellen – unter anderem nach Testläufen, bei denen KI-Modelle sich selbstständig machten und Hackerangriffe ausführten. OpenAI wird auf dem Privatmarkt mit einer enormen Summe zwischen 1,2 und 1,5 Billionen US-Dollar bewertet. Seinen laufenden Kapitalbedarf deckt OpenAI zunächst weiter über private Kapitalrunden und musste dabei Geldgebern gegenüber wohl bei der früheren Bewertung entgegenkommen. Analysten und Beobachter werten den Schritt auch als taktisches Manöver, sich nicht sofort dem strengen Transparenz- und Quartalsdruck einer öffentlichen Aktiengesellschaft auszusetzen.

Solidigm: Börsenpläne gestoppt

Der südkoreanische Chiphersteller SK Hynix plante für seine Speichertochter Solidigm den Börsengang in den USA. Das Emissionsvolumen sollte zwischen 10 und 15 Milliarden US-Dollar liegen, womit die Sparte mit bis zu 150 Milliarden US-Dollar bewertet worden wäre. Ende Oktober stoppte SK Hynix die Prüfung dieses Börsengangs jedoch bis auf Weiteres. Ursprünglich sollte das IPO den Bau neuer US-Fabriken finanzieren und eine Bewertungslücke zum US-Konkurrenten Micron Technology schließen. Aber Aktionäre der Konzernmutter SK Hynix befürchteten durch ein eigenständiges US-Listing von Solidigm Bewertungsabschläge und eine Verwässerung ihrer Anteile an der Muttergesellschaft. Zudem äußerten die südkoreanische Finanzaufsicht (FSS) und die Finanzdienstleistungskommission (FSC) Bedenken hinsichtlich Vorschriften zur Vermeidung schädlicher Doppelnotierungen und zum Schutz der Aktionäre der Muttergesellschaft.

Elice: Schwaches Börsendebüt

Der südkoreanische KI-Zulieferer und Neocloud-Anbieter Elice wagte dagegen im Oktober den Börsengang an die südkoreanische Technologiebörse Kosdaq, erlitt aber ein als historisch angesehenes Fiasko. Zumindest wurde es das schlechteste Börsendebüt in der Geschichte des südkoreanischen Marktes. Das Unternehmen nahm zwar rund 201 Milliarden Won (ca. 150 Millionen US-Dollar bzw. 130 Millionen Euro) ein, womit es der größte Kosdaq-Börsengang des Jahres war. Aber die Aktie brach sofort am ersten Handelstag um bis zu 33 Prozent ein. Als der Börsengang vorbereitet worden war, war die Nachfrage noch extrem hoch gewesen: Institutionelle und private Anleger hatten die angebotenen Aktien um das fast 400-Fache überzeichnet. Aber das Marktumfeld für KI-Infrastrukturwerte und Rechenzentren hat sich inzwischen drastisch verschlechtert. Ähnlich wie beim US-Konkurrenten CoreWeave wachsen bei Anlegern die Sorgen über eine hohe Verschuldung und die Rentabilität der gigantischen KI-Investitionen. Analysten von Instituten wie eToro oder Kiwoom Securities werten den Elice-Einbruch als deutliches Warnzeichen für den gesamten KI-Sektor.

Anthropic: Börsengang unter Beobachtung

Umso gespannter wird nun beobachtet, ob mit Anthropic wenigstens dem (neben OpenAI) zweiten großen KI-Entwickler aus den USA der Börsengang gelingt. Das für November geplante IPO müsste zwischen extrem hohen Wunschvorstellungen der Investoren einerseits und massiver Skepsis von Analysten und Marktbeobachtern andererseits stattfinden. Ursprünglich peilten Anthropic und beteiligte Geldgeber eine Bewertung von bis zu 2 Billionen US-Dollar an. Aufgrund der nachlassenden Wachstumsdynamik und mehr kritischer Fragen sprechen Investoren laut Medienberichten inzwischen eher von rund 1,5 Billionen US-Dollar. Das Research-Haus New Constructs stuft den IPO sogar als stark überzogen ein und beziffert den fairen Eigenkapitalwert im pessimistischsten Szenario auf lediglich 144 Milliarden US-Dollar.

Eine Absage des Börsengangs wie bei OpenAI ist nicht auszuschließen, was ein ähnlich schlechtes Zeichen für die KI-Wirtschaft wie eine niedrige Bewertung im Fall eines Börsengangs wäre.

Anleger sollten die Entwicklung beobachten und auf eine breite Risikostreuung ihrer Investments über die KI-Branche hinaus achten.

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