Börsenbericht: Inflation und Zinsen steigen

Aktienmarkt

Die Weltleitbörsen in New York standen weiterhin unter dem Eindruck der scharfen geldpolitischen Wende der US-Notenbank. Jahrelang hatte die Inflationsrate unter der Zielgröße von zwei Prozent gelegen, was die Notenbanken mit der Senkung ihrer Leitzinsen auf und unter null Prozent bekämpft haben. Nun kämpfen sie mit dem gegenteiligen Problem: Das Geld verliert zu schnell seinen Wert.

Das Maß für den Binnenwert einer Währung ist ihre Kaufkraft. Welchen Betrag muss man aufbringen, um einen repräsentativen „Warenkorb“ zu bezahlen? Der Anstieg dieses Betrages, in der Regel über einen Ein-Jahres-Zeitraum, ist nichts anderes als die Inflationsrate, nämlich der Anstieg des allgemeinen Preisniveaus. Im März hat sich die Inflation in den USA auf 8,5 Prozent beschleunigt. Das ist die höchste Inflationsrate seit Ende 1981, also seit etwas mehr als 40 Jahren. Die stärksten Preistreiber waren Kraftstoffe, Mieten und Lebensmittel. Allein die Benzinpreise stiegen gegenüber dem Vormonat um 18,3 Prozent und waren damit für mehr als die Hälfte des Anstiegs verantwortlich.

Der starke Anstieg der Benzinpreise ist wiederum eine Folge des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine, der die Ölpreise auf dem Weltmarkt hochschnellen ließ. Dass auch Lebensmittel mit einem Anstieg um zehn Prozent zu den Inflationstreibern gehören, liegt ebenfalls am Krieg. Weil Russland und die Ukraine ihre Agrarüberschüsse normalerweise auf dem Weltmarkt verkaufen, stiegen die Preise. Aber auch da, wo die Produktion nicht direkt durch den Krieg ver- oder behindert wird, wirken höhere Kosten, beispielsweise für Treibstoff und Dünger, indirekt preiserhöhend. Für das erste Kalenderquartal verzeichnet der führende Rohstoffpreisindex, der Bloomberg Commodity Index, einen Anstieg um 25,5 Prozent. Der Ölpreis schoss um mehr als 40 Prozent auf mehr als 100 US-Dollar pro Barrel nach oben. Die Weltmarktpreise für die industriell verwendeten Metalle Nickel und Palladium stiegen auf neue historische Rekordhöhen, weil in beiden Fällen Russland ein großer Lieferant war. Für eine Tonne Nickel wurden erstmals über 100.000 US-Dollar und für eine Unze Palladium erstmals über 3.300 US-Dollar bezahlt.

Aber auch die sogenannte Kernrate der Inflation ohne Energie- und Nahrungsmittelpreise lag mit zuletzt 5,4 Prozent deutlich über der Zielgröße der Notenbank von 2 Prozent. Gleichzeitig fiel in den USA die Arbeitslosenquote auf nur 3,6 Prozent im März – ein Niveau, das Volkswirte als Vollbeschäftigung werten. Diese Gemengelage zwingt die US-Notenbank Federal Reserve (kurz Fed) zum Handeln. Die Erhöhung des Leitzinses am 16. Februar um einen Viertelprozentpunkt auf die Bandbreite von 0,25 bis 0,50 Prozent dürfte nur der Auftakt zu einer ganzen Serie von Leitzinserhöhungen gewesen sein. Fed-Chef Powell deutete für Mai die Möglichkeit einer Zinsanhebung um einen halben Prozentpunkt an, was an den Börsen zu weiteren Kursverlusten führte.

An den Anleihemärkten kam es zu einem steilen Abwärtstrend der Kurse. Gemessen an der nominalen Summe der Kursverluste brachten die vergangenen Wochen sogar den größten Anleihe-Crash der Geschichte. Dies liegt daran, dass ein Anstieg des allgemeinen Zinsniveaus bei Anleihen, die ja in der Regel festverzinslich sind und somit einen unveränderlichen Zinsertrag verbriefen, zu Kursverlusten führt. Weil der Zinssatz festgeschrieben ist, bleibt nur der Kurs, um eine Anpassung an die jeweils aktuelle, marktübliche Rendite zu erreichen. Steigt der marktübliche Zins, fällt der Kurs von Anleihen so weit, dass die Rendite der Anleihe auf das marktübliche Niveau steigt.

Dementsprechend sorgte der starke Renditeanstieg für hohe Kursverluste. Die Rendite von US-Staatsanleihen mit zehn Jahren Laufzeit stieg auf fast drei Prozent. Anfang Dezember, also vor weniger als einem halben Jahr, war deren Rendite noch bis auf 1,34 Prozent gesunken. Die Rendite entsprechender deutscher Bundesanleihen mit zehn Jahren Laufzeit stieg im ersten Quartal um 0,82 Prozentpunkte auf 0,64 Prozent. Im April setzte sich der Anstieg auf 0,92 Prozent fort – den höchsten Stand seit 2015. Der Bund-Future, der die Kursentwicklung von Bundesanleihen an der Terminbörse wiedergibt, verzeichnete im ersten Quartal einen entsprechend hohen Kursverlust von 7,5 Prozent. Anleihen schlechterer Qualität erlitten noch höhere Kursverluste. Denn dort führte nicht nur der Zinsanstieg zu fallenden Anleihekursen. Auch der Aufschlag auf die laufende Verzinsung gegenüber Staatsanleihen, der sogenannte Spread, wurde wegen der höher eingeschätzten Ausfallrisiken größer, insbesondere bei sogenannten HochzinsUnternehmensanleihen.

 


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